Kleistpark - Pläne für die Baulücke

20.05.2010: Der (zu) Flachbau

Die Kreuzung Haupt-, Grunewald-, Langenscheidtstraße ist auch 65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine offene städtebauliche Wunde.

Während die Nordwest- und die Südost-Ecken mit dem ehemaligen BVG-Gebäude und einem schönen Altbauensemble durchaus städtisch, abgerundet und würdig wirken, sind die beiden anderen Ecken in einem Falle fragwürdig und im anderen Falle indiskutabel.

Fragwürdig ist die Situation an der Südwest-Ecke (ehemals Hauptstr. 1 bis 3). Dort hat sich der Bezirk mit der Errichtung des Kurt-Hiller-Parks bewusst entschieden, keine Eckbebauung mehr haben zu wollen,

  
 

Baulücke Hauptstr. 3

stattdessen das Defizit an Grün-, Sport- und Spielflächen zu mildern. Der Kleinpark umfasst jedoch nicht das Grundstück der ehemaligen Hausnummer Hauptstr. 3. Dort existiert seit Jahr und Tag ein wechselnder Autohandel auf einem Brachgrundstück.

Indiskutabel ist allerdings die städtebauliche Situation der Blockspitze Willmanndamm, Haupt- und Langenscheidtstraße: Zwei große geweißte Brandwände, häufig als Werbefläche genutzt, davor das U-Bahn-Eingangsbauwerk, drum herum eine Grünfläche. Grünfläche? Ja, es handelt sich um eine Grünfläche, auch wenn dies mit bloßem Auge nicht erkennbar ist. Ein Teil wird von einem Lokal als Biergarten genutzt, auf einem anderen Teil steht der alte S-Bahn-Waggon, der ebenfalls gastronomisch genutzt wird. Ansonsten dominieren Waschbetonplatten und Beton-Pflanzkübel.

Die SPD Fraktion in der BVV stellte daher im Januar 2009 folgenden Antrag:

"Umfeld U-Bahnhof Kleistpark städtebaulich entwickeln

Die Bezirksverordnetenversammlung wolle beschließen:

Das Bezirksamt wird ersucht zu prüfen, wie der repräsentative Charakter rund um den U-Bahnhof Kleistpark (Kreuzung Potsdamer Straße / Hauptstraße / Langenscheidtstraße / Willmanndamm / Grunewaldstraße) wieder hergestellt werden kann. Dabei ist auch die Aufstellung entsprechender Bebauungspläne zur Blockrandschließung der offenen Blockecken Haupt- / Grunewaldstraße und Potsdamer / Langenscheidtstraße / Willmanndamm zu prüfen.

Der Bezirksverordnetenversammlung ist bis zum 30.9.2009 zu berichten.

Begründung:

bestehende Situation mit zwei großräumigen Bombenschäden und nur behelfsmäßigen Zwischennutzungen (Gebrauchtwagenhandel, prov. Gastronomie) wird der städtebaulichen Bedeutung des Ortes mit seiner ansonsten eindrucksvollen Bausubstanz sowie der "Entree"-Funktion zum Einzelhandelsstandort Hauptstraße nicht gerecht. Der Übergang zum Kurt-Hiller-Park wirkt bislang undefiniert und wenig attraktiv."

Das Bezirksamt hat sich daraufhin ernsthaft um eine Lösung für die Nordost-Ecke bemüht. Es machte gleichzeitig deutlich, dass es eine entscheidende Schwierigkeit gäbe: "Die Bebaubarkeit des nordöstlichen Grundstücks Hauptstraße 162 Ecke Langenscheidtstraße und Willmanndamm 22

  
 

Baulücke Haupt- Ecke Langescheidtstraße

ist vor allem in der Südhälfte des Grundstücks durch die unterirdischen Bauwerke der U-Bahn (Tunnel, Verteilerebene, Zugänge, Ablüftung, Gleichrichterwerk) stark eingeschränkt. Pläne der BVG hier für eigene Zwecke ein Bürogebäude zu errichten wurden wegen der vorhandenen Gebäude im Untergrund verworfen. Auch andere Projektentwickler haben wegen der vorhandenen Restriktionen und den damit verbundenen Baukosten von einer Realisierung ihrer Vorhaben Abstand genommen." (Mitteilung zur Kenntnisnahme April 2010, Drs. 928/XVIII)

"Citymarkt"

Zeitgleich stellte das Bezirksamt eine Projektidee eines Entwicklers (MPPM Develope GmbH) vor, die die Gründungsschwierigkeiten auf dem Grundstück dadurch umgeht, dass nur ein Flachbau errichtet werden soll. Eine relativ preisgünstige Lösung, da es keiner zusätzlichen Stabilisierung des Baugrunds bedarf. Als Nutzung wird ein "Citymarkt" vorgeschlagen.

Ein Citymarkt ist ein Einzelhandels-Geschäft, das ausschließlich Nahversorgungscharakter haben soll. Das Sortiment solle qualitativ über dem der Discounter liegen, Kundenparkplätze würden nicht benötigt. Des Weiteren sei eine Nutzung des Flachbaudaches durch ein Café denkbar. (Siehe Anlage)

Die SPD-Fraktion ist dankbar für das Engagement der MPPM, von deren Vorschlag bislang aber nicht überzeugt, da eine Reihe von Fragen offen ist und eine entscheidende Verbesserung gegenüber dem Status Quo nicht erkennbar ist.

Eine der offenen Fragen ist, wie denn der "Citymarkt" beliefert werden soll. Entlang der Hauptstraße ist eine langgezogene und unverzichtbare Bushaltestelle, der Willmanndamm ist zu eng, das Grundstück selber zu klein, um den Lieferverkehr abzuwickeln.

Unklar ist weiterhin, ob denn das Konzept, ohne Parkplätze auskommen zu wollen, tatsächlich trägt. Dies könnte man getrost das Problem des Einzelhändlers sein lassen, wenn nicht ein Blick auf den weiteren Verlauf der Hauptstraße zeigen würde, dass Busspuren und Bushaltestellen vielen Mitbürgern wenig heilig sind, wenn sie "mal kurz" in einen der dortigen Läden gehen wollen.

Fraglich ist auch, welche Auswirkungen ein derartiges Geschäft auf die Einzelhandelsstruktur der nördlichen Hauptstraße haben würde. Der Bezirk hat erst im März 2010 ein Einzelhandels- und Zentrenkonzept verabschiedet, das die traditionellen bezirklichen und örtlichen Einkaufszentren schützen soll. Das fragliche Grundstück liegt außerhalb des Zentrenkonzepts.

Anders als vom Investor behauptet, gibt es im entscheidenden Radius sehrwohl Einzelhandels-Angebote, die sich mit dem des geplanten "Citymarkts" überschneiden. Beispielhaft seien nur "Butter-Lindner", "netto" und "Öz-Gida" genannt. Zudem wird der "Lidl" aus der Goebenstraße demnächst an die Ecke Potsdamer-, Großgörschenstraße verlegt.

  
 

Flachbau mit Citymarkt (Entwurf der MPPM Develope GmbH)

Krömer konnte in seiner Antwort auf eine entsprechende Große Anfrage der SPD-Fraktion (Anlage) aus der Mai-Sitzung der BVV allerdings keine negativen Auswirkungen auf die Einzelhandelsstruktur erkennen und empfand den geplanten Citymarkt als "Ergänzung und Bereicherung". Der Bezirksverordnete Stefan Böltes (SPD) wollte dies in seinem Debattenbeitrag auch zunächst nicht in Abrede stellen, wies jedoch darauf hin, dass der Bezirk nach einer Genehmigung keine Handhabe mehr habe, die Umnutzung in den nächsten gesichtlosen Discounter zu verhindern, wenn das Konzept eines hochwertigen Angebots nicht aufgehen sollte.

Flachbau keine Lösung

Neben diesen eher praktischen Gesichtspunkten stellen sich sowohl für die BVV-Fraktion als auch für die SPD-Abteilung Schöneberg die grundsätzliche Fragen: Löst der geplante Flachbau das städtebauliche Problem? Wo liegt der Fortschritt gegenüber der jetzigen Situation? Steht der Flachbau nach seiner Errichtung nicht eher einer vernünftigen qualitätvollen Lösung im Wege?

Die internen Debatten weisen bislang alle in eine Richtung: Der Flachbau löst das Problem nicht. Es würde eine Situation geschaffen, die der Ecke Haupt-, Akazienstraße (Ex-Starbucks) vergleichbar ist, nur größer. Die großen Giebel der Nachbargrundstücke würden weiterhin dominant sein, es sähe weiterhin nach einer provisorischen Nachkriegslösung aus, die Kriegswunde bliebe eine Wunde. Eine Investition an dieser Stelle müsste sich zunächst rentiert haben, bevor über eine größere Lösung nachgedacht werden könnte. Das Problem würde nicht gelöst, sondern verfestigt. Der Schöneberger Bezirksverordnete Axel Seltz (SPD) fasst dies so zusammen: "Es wäre besser nichts zu tun, als das Falsche."

Um dennoch Bewegung in die Situation zu bringen, hat die SPD-Fraktion beantragt, ein öffentliches Interessenbekundungsverfahren für das bezirkseigene Grundstück über einen geeigneten Träger durchzuführen zu lassen. (Anlage)

Das Ziel eines solchen Verfahrens ist die Vergabe an einen bauwilligen Investor, der binnen sieben Jahren auf Grundlage der Bebaubarkeitsstudien des Bezirksamtes eine Schließung der Blockecke vornimmt, die dem gestalterischen Niveau der umgebenden Bebauung in "Berliner Traufhöhe" entspricht. Ein Vorhaben bezogener Bebauungsplan wäre in Abstimmung mit dem Investor aufzustellen, die Form und Höhe der Bebauung und die Frist zur Durchführung des Vorhabens durch einen städtebaulichen Vertrag abzusichern. Bei Erfolglosigkeit des Verfahrens wäre das Grundstück an den Bezirk zurück zu geben.

Ein solches Verfahren würde auch Zweifel über die Maßstäbe Vergabe des Grundstücks - sei es im Wege eines Verkaufs oder der Bestellung eines Erbbaurechts - von vornherein ausschließen.

Zugehörige Dateien:
Citymarkt (Konzept).pdfDownload (5148 kb)
Antrag Kleistpark Grundstücksentwicklung Mai 2010.pdfDownload (18 kb)
Anfrage Einzelhandel Kleistpark Mai 2010.pdfDownload (17 kb)
Mitteilung des Bezirksamts April 2010.pdfDownload (28 kb)
Antrag 200901.pdfDownload (24 kb)
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